Dienstag, 29. Januar 2008

Aus der Praxis


Liebe Leserin, lieber Leser,

da ich oft gefragt werde, wie meine Arbeitsweise in der Praxis aussieht, möchte ich hier an dieser Stelle einen Praxisbericht einstellen. Ich hoffe, dass damit zumindest ein kleiner Einblick für Sie möglich wird. Da ich Freude am Schreiben habe, werde ich in nächster Zeit öfter von meinen Projekten hier im Blog berichten. Schauen Sie von Zeit zu Zeit wieder mal vorbei.

Ich wünsche Ihnen ein kurzweiliges Lesevergnügen.
Ihre Bianka M. Seidl


Bühne frei für die Erlebniswelt Farbe

Vor einigen Jahren lernte ich den Farben-Fachmarkt Riedl auf eine Empfehlung hin kennen. Ich war gerade umgezogen und suchte Farben für mein neues Zuhause. Beim Betreten der großen Halle empfing mich ein Flair von „dolce vita“. Es roch nach geröstetem Kaffee, der ebenso zum Kauf angeboten wurde wie kulinarische Köstlichkeiten und erlesene Weine. In der Ausstellung fanden sich vereinzelte Designermöbel und etliche großrahmige Bilder von einem Künstler aus der Region. Ich begann zu zweifeln, ob ich hier richtig war und sah mich suchend um. Ein freundlicher Mann kam mir entgegen, Thomas Riedl, der Inhaber. Mit offenem Blick hieß er mich willkommen und erkundigt sich nach
meinen Wünschen. Dann führte er mich zu einem Sortiment hochwertiger Farben und Lacke und beriet mich ausführlich und fachkundig. Am Ende des langen Gesprächs über farbliche Gestaltungsmöglichkeiten hatte ich außer den Farben auch noch ein Gemälde erstanden!

Thomas Riedl hatte einige Jahre zuvor den florierenden Malerhandwerksbetrieb seines Vaters übernommen und seitdem beharrlich an dessen Wachstum gearbeitet. Baulich zeigte sich das in einem großen Hallenneubau, der an das alte Gebäude angegliedert worden war und der den Fachmarkt für Malerbedarf aufnahm. Dabei war es dem vielseitig interessierten Unternehmer wichtig gewesen, seinen eigenen Stil ins Unternehmen einzubringen. Zugleich lag ihm sehr daran, das Image des Maler- und Lackiererberufs zu reformieren; seine Mitarbeiter wurden zu kreativen Wandgestaltern. In den ersten Jahren war die Auftragslage sehr gut. Doch der Strukturwandel des Marktes und das veränderte Konsumverhalten der Kunden – viele von ihnen waren nun samstags in den großen Baumärkten zu finden – machten eine grundlegende Veränderung notwendig.

Thomas Riedl wandte sich an mich als Coach und Beraterin. „Tief in mir war der Wunsch, ich selbst zu werden. Das muss wohl die Frage nach dem Sinn des Lebens sein“, formulierte der Unternehmer später seine wahre Motivation. Und es gab weitere Beweggründe im persönlichen Bereich, wie der Mangel an Zeit für seine Familie und für kreative Betätigung. In Coaching-Gesprächen wurde ihm deutlich, dass er sich zahlreichen Zwängen unterwarf, was Tag für Tag viel Kraft kostete. Fragen wie: "Was gibt und was nimmt mir Energie?" sollten den Unternehmer mehr zu sich bringen. Fest im Terminkalender eingeplante Rückzugszeiten ermöglichten die Selbstreflexion. Es erforderte Mut, sich selbst zu begegnen und zu erkennen, dass es eine Menge behindernde Vorstellungen gab und viele Aktionen nur Reaktionen waren, weit entfernt von Selbstbestimmtheit.

In der zweiten Phase ging es darum, den inneren Veränderungsprozess effektiv im Außen zu unterstützen. Wir gingen einen unkonventionellen Weg und bedienten uns des Raumes als Spiegel. Im Fachmarkt fand sich ein Sammelsurium an besonderen und zuweilen skurrilen Objekten. Doch wo war der rote Faden, der die Bereiche einte und in eine klare Richtung wies?

Anhand der Raum- und Grundrissanalyse wurden auch hier die Begrenzungen und Stolpersteine sichtbar, die der Entfaltung des Potenzials im Wege standen. Die Untersuchung zeigte vor allem ein verletztes Zentrum. Genau dort befand sich in der Halle eine große Stahltreppe, die zu einer Galerie führte. Wie auch bei der menschlichen Mitte, sollte dieser Platz klar definiert und frei sein, da von hier alle Kraft kommt. Das ist ein Ansatz der asiatischen Lehre des Feng Shui, die - richtig angewandt - ein sehr wirkungsvolles Werkzeug ist.

Nach gründlichem Abwägen der wirtschaftlichen Zumutbarkeit ergab sich als erste und wichtigste bauliche Maßnahme, mit der begonnen werden sollte: das Verschieben der Treppe aus dem Zentrum heraus. Es gab eine Reihe verstandesmäßiger Gründe, die dagegen sprachen und schließlich doch den Entschluss, es einfach vertrauensvoll zu tun. Einmal vollzogen, kam Bewegung ins Spiel und der betriebliche Strukturwandel nahm mit Leichtigkeit seinen Lauf. Auf die Frage, wie der Unternehmer diese Art des Veränderns empfand, antwortete er: „Es schafft Klarheit, gibt Struktur und bringt Orientierung.“

Im nächsten Schritt galt es, einen starken Energiefluss zu stoppen, der das Hallengebäude in zwei Hälften teilte, was seine Entsprechung in einer Unentschlossenheit im Unternehmen hatte. Die Lösung: Eine dreiteilige Wasserwand, an der das Wasser aus fünf Meter Höhe nach unten in ein Becken fließt. Am Rand des Beckens laden integrierte Sitzplätzen zum Verweilen ein. Insgesamt hatten die baulichen Veränderungen große positive Auswirkungen auf das Unternehmen. Die Dinge kamen nachhaltig in Fluss. Unter den Mitarbeitern kristallisierten sich ganz klar diejenigen mit Veränderungswillen heraus.
Sie blieben voller Überzeugung dem Unternehmen treu.

Der Fachmarkt wurde bewusst verkleinert und verfeinert. Er fand seinen Platz im alten Gebäude, in dem jetzt auch eine kreative Malerwerkstatt entsteht. Dort kann der Kunde Farbe erleben und mit professioneller Unterstützung - inspiriert von der Atmosphäre - selbst seine Farbträume verwirklichen. Attraktive Mottowochen machen den Werkstattbesuch zum Ateliererlebnis. Ausgesuchte Möbelstücke, Kunstgegenstände und pfiffige Accessoires prägen nach wie vor das einzigartige Ambiente. Die große Halle leerte sich und es entstand Frei-Raum. Hierzu sagt Thomas Riedl rückblickend: „Es war erst möglich, Neues entstehen zu lassen, nachdem der Raum dafür geschaffen war. Zuerst geistig und dann real.“ Dieser Freiraum ist mittlerweile zur Bühne für den Ideenreichtum des Inhabers geworden. Hier finden Inszenierungen statt, die die Kunden zu kreativen Mitakteuren machen. Das Unternehmen schreibt sehr gute Jahresabschlusszahlen. Ein hochmotiviertes Mitarbeiterteam erlebt sich als wesentlich beteiligt an der Verwirklichung einer Vision, die wie ein Puzzle Stück für Stück sichtbar wird und langsam Gestalt annimmt.

In Fluss kommen und im Fluss bleiben – das ist das Zaubermittel. Ein Weg, der, einmal beschritten, fließend zur Essenz führt.

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