Samstag, 23. Juni 2007

Vor langer Zeit ...


An jenem späten Oktobernachmittag waren der Weisheits-Hüter und ich aus dem gleichen Grund in die Hochsteppe gegangen. Während wir uns über die Geheimnisse des Ortes austauschten, erzählte mir mein neuer Freund eine Geschichte.

“Vor langer Zeit war unsere Welt ganz anders als wir sie heutzutage betrachten”, begann er. “Es gab weniger Menschen und wir lebten näher am Boden. Die Menschen kannten die Sprache des Regens, der Feldfrüchte und des Großen Schöpfers. Sie wussten, wie man mit den Sternen und dem Himmelsvolk sprechen kann. Ihnen war bewusst, dass das Leben heilig ist und aus der Vereinigung von Mutter Erde und Vater Himmel hervorgeht. Alles war im Gleichgewicht und die Menschen waren glücklich.”
Ich spürte, wie bei dem Klang dieser Worte, die von den Sandsteinwänden widerhallten, etwas ganz Altes in mir aufstieg. Seine Stimme veränderte sich und bekam einen traurigen Klang.
“Dann geschah etwas”, fuhr er fort. “Keiner weiß so recht, warum, doch die Menschen begannen zu vergessen, wer sie sind. Durch Ihr Vergessen fingen sie an, sich getrennt zu fühlen - getrennt von der Erde, von einander und selbst von dem Einen, der sie erschaffen hat. Sie verirrten sich und wanderten ohne Richtung und Verbundenheit durchs Leben. In ihrer Getrenntheit meinten sie, für ihr Überleben in dieser Welt kämpfen zu müssen und verteidigten sich gegen jene Kräfte, die ihnen das Leben geschenkt hatten, auf das sie einst vertrauen konnten.
Nach einer Weile verwandten sie alle ihre Energie darauf, sich gegen die Welt um sie herum zu schützen, statt Frieden mit der Welt in sich selbst zu finden.”

Ich konnte mit der Geschichte des Mannes sehr viel anfangen. Es schien mir, als beschriebe er die Menschen der heutigen Zeit! Abgesehen von wenigen Ausnahmen isoliert lebender Kulturen und einzelner, traditioneller Überreste ist unsere Zivilisation ganz klar mehr auf die Welt um uns herum als auf die Welt in uns fokussiert.
Jedes Jahr geben wir Unsummen von Geld aus, um uns vor Krankheiten zu schützen und die Natur unter Kontrolle zu halten. Dabei haben wir uns vielleicht weiter denn je von einem Gleichgewicht mit der Natur entfernt. Ich hörte dem Weisheits-Hüter äußerst aufmerksam zu. Wie würde seine Geschichte wohl weitergehen?

“Sie hatten zwar vergessen, wer sie sind, aber es schlummerte noch etwas von ihren Ahnen in ihnen , eine gewisse ErInnerung - eine Ahnung.. Des nachts in ihren Träumen wussten sie, dass sie über die Kraft verfügten, ihren Körper zu heilen. Regen zu rufen, wenn er gebraucht wurde und mit den Ahnen zu sprechen. Sie wussten, dass sie irgendwie ihren Platz in der natürlichen Welt wieder finden konnten.
Während sie versuchten, sich daran zu erinnern, wer sie sind, begannen sie, außerhalb ihres Körpers Dinge zu erschaffen, die sie daran erinnern sollten, wer sie innerlich sind. Im Laufe der Zeit bauten sie sogar Maschinen, die für ihre Heilung sorgen sollten, entwickelten Chemikalien, damit die Pflanzen wachsen und verdrahteten ganze Landschaften, um über große Entfernungen hinweg zu kommunizieren. Je mehr sie sich von ihrer inneren Kraft entfernten, desto voller wurde es in ihrem äußeren Leben von lauter Dingen, von denen sie glaubten, dass sie sie glücklicher machen würden.”

Während ich ihm zuhörte, standen mir deutlich die Parallelen zu unserer heutigen Zivilisation vor Augen. Wir haben das tiefe Gefühl, unserem eigenen Leiden und dem Leiden der Welt ohnmächtig gegenüber zu stehen. Wir fühlen uns oft so hilflos, wenn einer unserer Lieben leiden muss oder auf den Krücken der Sucht und Abhängigkeit dahin hinkt. Wir meinen, keinen Einfluss auf die schreckliche Krankheiten zu haben, unter denen eigentlich kein Lebewesen leiden sollte. Uns bleibt nichts als die Hoffnung auf einen Frieden, der unsere Lieben hoffentlich unversehrt von den Schlachtfeldern dieser Erde zurückkehren lässt. Angesichts der wachsenden nuklearen Bedrohung und der Feindseligkeiten über religiöse Überzeugungen, Abstammung und Besitz fühlen wir uns als Individuen klein und unbedeutend. Offenbar werden wir umso leerer, je weiter wir uns von unserer natürlichen Beziehung zur Erde, zu unseren Körpern zu einander und zu Gott entfernen. Aus diesem Gefühl der Leere heraus, versuchen wir, uns mit “Dingen” zu erfüllen.

Wenn wir uns mehr darauf konzentrieren, Krankheiten zu vermeiden, als gesund zu leben, Kriege zu vermeiden als friedlich miteinander umzugehen und neue Waffen zu erschaffen statt Waffen überflüssig werden zu lassen, dann geht es uns nur noch ums Überleben. In solch einem Zustand ist niemand wirklich glücklich - niemand “gewinnt”.
“Wie endet die Geschichte?”, fragte ich den Weisheits-Hüter. “Haben die Menschen je wieder herausgefunden, wer sie sind?”

Inzwischen war die Sonne hinter den Canyon-Wänden verschwunden und zum ersten Mal konnte ich sein Gesicht sehen. Aus einem von der Sonne tief gebräunten Gesicht lächelte er mich an. Er wartete einen Augenblick, dann flüsterte er: “Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Unsere Ahnen verirrten sich und wir schreiben gerade das Ende Ihrer Geschichte. Was meinen Sie ...?”

Auszug aus dem soeben erschienenen Buch: Im Einklang mit der göttlichen Matrix” von Gregg Braden - Koha Verlag.

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